Editorial – Verantwortung

Liebe Einwohnerinnen und Einwohner

Selten kommt es vor, dass wir in Hüntwangen auf Gemeindeebene zur Urne rufen, am 8. März ist dies der Fall. Weil es wichtig ist, widme ich dieses Editorial diesem Thema: Die vorberatende Gemeindeversammlung vom 11. Dezember und der Gemeinderat beantragen Ihnen, einen Kredit von 1.3 Millionen Franken für den Bau einer Unterkunft für Asylsuchende.

Modulbau mit Giebeldach. Standort stimmt nicht.

Wir können es drehen und wenden wie wir wollen: Dass wir Asylsuchende unterbringen müssen, ist unabwendbar. Nach der Quotensenkung durch den Kanton könnten es ab 1. Januar 2026 bis 17 Personen sein, variierend Kinder, Jugendliche, Männer, Frauen, Betagte, verschiedene Nationalitäten. Heute mieten wir dafür ein Einfamilienhaus am Hinterdorfplatz: Bei Vollbelegung stehen selbst in der Stube Doppelbetten. Die zwei Badezimmer und die Küche sind nicht für diese Anzahl Menschen bestimmt, zu wenig warmes Wasser, auf engem Raum ist Zusammenleben schwierig. Und unser Kündigungsrisiko: Selbst innerhalb der Kündigungsfrist von einem Jahr wird es schwierig, für 17 Menschen eine Bleibe in Hüntwangen zu suchen, ohne eigene Liegenschaft. Wir finanzierten einst während wenigen Wochen einen Hotelaufenthalt, weil die heutige Unterkunft für einen Krankheitsfall unmöglich war. In Zukunft sind wir dafür gerüstet. Vergleicht man reine Unterbringungskosten (Miete und Unterhalt heute gegenüber Abschreibungen und Unterhalt in der neuen Unterkunft) wird es pro Monat etwas teurer, doch die Abschreibungen sind buchhalterisch, das Geld floss beim Bau zu den Handwerkern, die Liegenschaft bleibt uns. Miete hingegen ist weg; der Neubau lohnt sich. 

Der Gemeinderat hat sich für einen Modulbau entschieden, mit einer gewissen Wertigkeit; mit Holzfassade und Giebeldach, so dass das Gebäude eher zum Ortsbild passt. Keine Übergangslösung, sondern ein Bau, der das Unterbringungsproblem langfristig löst. Selbst wenn die aufzunehmende Anzahl Asylsuchender steigt (abhängig von der Quote und der Anzahl Einwohnerinnen und Einwohner). Deshalb bauen wir für 21 Personen, jeweils Wohneinheiten für vier bis sechs Personen. Diese Lösung schauten wir bei anderen Gemeinden ab, die damit glücklich sind. Die Wohnungen können auch als Sozialwohnungen benützt werden: Aus dem Behördenausschuss Betreibungsamt weiss ich, dass es im Rafzerfeld hie und da zu Ausweisungen aus Wohnungen kommt: Die Gemeinde ist für die Unterbringung zuständig. Ebenso nach einem Brand. Gesellschaft und Schicksal sind oft fragiler, als es vordergründig scheint.

Der vorgesehene Standort liegt in der Zone für öffentliche Bauten und gehört bereits zum Verwaltungsvermögen, weil das Schützenhaus auf der gleichen Parzelle steht: Somit kostet das Land nichts mehr. Wegen der Zone darf dort nur etwas gebaut werden, das eine öffentliche Aufgabe erfüllt.

Sie spüren: In diesem Editorial bin ich als Gemeindepräsident politisch und setze mich für ein Projekt ein. Die Behörde ist in der Verantwortung und will unsere Aufgabe im Asylbereich menschenwürdig erfüllen und wegkommen von ewigen Notlösungen.

Apropos Verantwortung: Sie wissen, Müllsäcke, die sich nicht in Tonnen befinden, stellt man erst am Mittwochmorgen zu den Sammelpunkten, wo sie ab 7 Uhr abgeholt werden. Tiere zerreissen Säcke nachts und unsere Mitarbeitenden müssen dann über die Strasse verteilten Müll zusammenräumen. Wenn ich nun beobachte, wie jemand am Abend den Müllsack herausstellt, soll ich die Person auf das korrekte Verhalten ansprechen? Ist das Penetranz oder Verantwortung wahrnehmen? Letzthin habe ich dies gemacht. Der Herr hat kommentarlos den Sack zurückgetragen. Und dann sah ich es: Er war nicht der Erste. Auf dem nächtlichen Nachhauseweg am Dienstagabend standen einige Müllsäcke an der Strasse – ich schämte mich, dass ich jemanden zurechtgewiesen hatte und viele anderen halten sich auch nicht daran. Manchmal ist es schwierig, «gerecht» zu handeln. Am einfachsten ist es, wenn wir uns alle natürlicherweise so verhalten, dass nicht andere für uns putzen müssen.

Einige Einwohnerinnen und Einwohner übernehmen sogar so viel Verantwortung, dass sie für andere freiwillig Putzen: Wägli, Bänkli und Feuerstellen und damit unser Dorf verschönern. Und Erlebnisse (Dorfzmorgen, Weihnachtsmarkt) schaffen: Der Verschönerungsverein. Oder in der Feuerwehr für unsere Sicherheit sorgen. Oder mit dem Verein Amphitheater Veranstaltungen nach Hüntwangen bringen. Oder als Samariter erste Hilfe leisten. Oder die Jugend sportlich und musikalisch weiterbringen. Oder das Dorfmuseum pflegen. Sie alle, sinnstiftend und gesellschaftsbildend tätig, sind um Unterstützung froh. Wenn Sie Zeit haben, machen Sie doch irgendwo mit!

Das Dorfmuseum begeistert jährlich mit einer neuen Sonderausstellung. Zur Vorbereitung hat die Museumskommission sogar Familienmitglieder eingespannt, für eine eindrückliche Lego-Burg; «Bauklötze staunen» heisst das Thema. An vier Arbeitsplätzen gilt «hands on» an Stokys, Fischertechnik, Cuboro und Ankersteinen. Der grosse Erfolg der Sonderausstellungen liegt am Lebensweltbezug für das Publikum: Erinnerungen an Jugendzeit (Plattensammlung), Berufsleben (Swissair) und Kindheit (Bauklötze). Wenn Sie deswegen im Museum sind: Schauen Sie auch die Dauerausstellung an, die mit Kies, Stroh und Landwirtschaft die Hüntwanger Identität zeigt.

Matthias Hauser, Gemeindepräsident
matthias.hauser@huentwangen.ch