Liebe Einwohnerinnen und Einwohner
Hat Hüntwangen Einfluss auf Sie? Unterschiedlich werden wir geboren und geformt von Orten und Menschen, die unsere Situationen geborgen oder bedrohlich, bereichernd oder zehrend werden lassen. Besonders in der Kindheit: Noch fehlen Erfahrungen und Wissen, um die Welt zu ordnen. Wie prägend sind dabei ein Dorf und seine Menschen? Hinterlässt Hüntwangen ein Körnchen gemeinsame Identität bei denjenigen, die hier aufwachsen?

An der Klassenzusammenkunft XXL vom 4. Juli zur Verabschiedung der Sekundarschule aus dem Landbüel, konnten alle Abschlussjahrgänge der Sekundarschule aus Wasterkingen, Hüntwangen und Wil der vergangenen 65 Jahre je einen Festbank reservieren. Manche, die in Hüntwangen mit- und nebeneinander aufgewachsen sind, sahen sich nach Jahrzehnten zum ersten Mal wieder. In Gesprächen wurden Erinnerungen aufgefrischt oder geteilt, frühere Situationen und Begegnungen neu eingeordnet. Erinnerungen wären keine, wären sie nicht «hängen geblieben»; so beeinflussten sie spätere Gedanken, Empfindungen und Entscheidungen. Man kann es nicht verneinen: Ein Dorf und seine Gemeinschaft prägen.
Zwei Gedanken dazu:
Erstens gibt es Menschen, die nicht am Klassentreffen erschienen sind, obwohl sie angefragt wurden und Zeit gehabt hätten. Prägung geht auch negativ. Wer als Kind immer wieder «geplagt» und nicht ernst genommen wurde, vielleicht, weil er oder sie etwas eigen war, ausserhalb vom Dorf lebte, mehr Glück oder Pech hatte, musste diese Erfahrungen ins spätere Leben mitschleppen. Möchte Erinnerungen nicht auffrischen. Ich bin froh, dass wir heute achtsamer und feinfühliger mit sozialen Situationen umgehen, und nicht die Kinder sich selbst wehren lassen.
Zweitens vermute ich, hat die Bedeutung des Dorfes abgenommen. Für heute 80-Jährige, dem ersten Jahrgang, der im Landbüel die obligatorische Schule beendete, war Hüntwangen prägender als für heute 30-Jährige. Weil die Mobilität zugenommen hat. Mit den «Jahrgangsgspändli» zog man früher in der Freizeit durchs Dorf, traf sich im Schwimmkurs (im eigenen Hallenbad), in der Sonntagsschule, der Jugend- oder Mädchenriege, organisierte als Konfirmanden das Fastnachtsfeuer und besuchte den Jungschützenkurs. Wollte man nach Bülach oder Zürich, musste man ohne Bus auf den Bahnhof. Heute erreicht eine Vielzahl attraktiver Angebote ausserhalb Hüntwangens alle problemlos, mit Elterntaxi wird in die Krippe, ins Hockey, in die Tanzstunde und in den Englischkurs gekarrt, der Schwimmkurs ist in Rafz: Neben der Arbeitswelt finden Einkauf und Freizeit selbstverständlich ausserhalb vom Dorf statt. Hüntwangen und seine Menschen prägen daher weniger als früher. Angebote und Freunde findet man irgendwo.
Dies zu bedauern ist die Perspektive eines Ü-50, Zeitgeist lässt sich nicht aufhalten. Der «Selbstläufer Dorfgemeinschaft» wirkt heute schwächer: Ist weniger Grund für Engagement in einem Verein oder der Feuerwehr oder um eine Feier (z.B. 1. August, Jungbürger:innen-Aufnahme) oder ein heimisches Geschäft zu besuchen. Angebote werden gewählt, weil sie attraktiv und passend sind, nicht weil sie aus Hüntwangen sind. Wird ein Dorf-Event wenig besucht, haben Menschen oft mit Freunden und Familien einfach anderes vor. Dagegen zu konkurrieren wäre sinnlos. Traditionelle Konzepte früher oder später überdenken jedoch müssen wir.
Übrigens: Aus Sicht des Einzelnen macht die Vielzahl heutiger Alternativen zum Dorfleben die Orientierung im eigenen Leben eher schwieriger; aber das ist ein anderes Thema.
Engagement obwohl sich der Zeitgeist nicht dankbar zeigt, zehrt mehr und wird weniger vergolten. Das Engagement aller, die für Feiern, Sport, Umwelt oder Kultur das Fähnchen der Dorfgemeinschaft heute noch hochleben lassen, ist unbezahlbar. Dieses «Hüntwanger Infos» ist voll von Beispielen. Herzlichen Dank!
Mit freundlichen Grüssen
Matthias Hauser, Gemeindepräsident
matthias.hauser@huentwangen.ch
