Köpfchen statt Schwänzen

Leserbrief im Zürcher Unterländer vom 13. März 2019 – zum Artikel «Wir müssen Sturköpfe bleiben» (Seite 3, ZU vom 11. März 2019)

Da werden vier Gymnasiasten interviewt, die lieber die Schule schwänzen und für das Klima streiken würden, statt zu lernen. Gottlob hat die Schulleitung bislang keine Dispensationen dafür bewilligt. Und das Bild zum Text: Im Schulzimmer, eine verschmierte Tischkante, einer behält die Mütze auf, zwei das Handy vor sich auf dem Tisch: Motiviert im Unterricht, der von der arbeitenden, CO2-freisetzenden Bevölkerung bezahlt wird?

Liebe Klima-Demonstranten: Erklärt, wie die Rinder C-Atome vermehren, die sie von Pflanzen essen – oder warum genau sind sie klimaschädlich? Erklärt, wieso seit 1982 der Anteil Blattgrün auf unserem Planteten zwei Mal um die Fläche der USA gewachsen ist und welchen schädlichen Einfluss das auf die Menschheit haben wird? Erklärt, warum das CO2 (Anstieg von 0.04% auf 0.05% in der Luft seit 1960) wichtiger ist als Wasserdampf (zehn Mal so grosse Menge wie CO2 in der Luft und je nach Höhe pro Molekül erst noch wirksamer für den Treibhauseffekt)? Keine Antworten? Ach ja, Ihr seid nicht vom naturwissenschaftlichen Profil – da ist einer Mehrheitsmeinung nachzueifern natürlich näher, als bei Naturwissenschaften selber mitzudenken: Doch wenn wir Wandel in den Griff kriegen wollen braucht es Persönlichkeiten, die kritisch hinterfragen, lernen und forschen. Damit die Menschheit komplexe Zusammenhänge zunehmend versteht. Leistet dazu einen Beitrag, statt sturköpfig zu schwänzen!

Matthias Hauser, Kantonsrat, Hüntwangen

Auf diesen Leserbrief gab es zwei bissige Reaktionen, von KZU-Rektor Roland Lüthi sowie von seinem Schulkommissionspräsident Jürg Stähli (Seite 13, ZU vom 16. März 2019), auf die ich wieder reagieren musste.

Auf diesem Niveau lässt sich das Klimaproblem nicht lösen

Ausgabe vom 16. März: «Ausserhalb der Schulzeit aufgenommen» und «Beschämender Leserbrief»

KZU-Rektor Roland Lüthi fühlte seine Schule im Ruf geschädigt, obwohl sie es gar nicht war und schreibt mir im Leserbrief vom 16. März Worte zu, die so nicht existieren: Nie habe ich von «unhaltbaren Zuständen im Unterricht an der Kantonsschule Zürcher Unterland» geschrieben. Im Gegenteil, ich lobte die Schule dafür, dass sie damals noch keine Dispensationen für den Klimastreik ausgesprochen hatte. Ich kommentierte ein Bild, das Jugendliche mit Handy und Cap auf dem Kopf im Schulzimmer zeigte: Keine Anschuldigung gegen die Schule, sondern eine Aussensicht, der ein Zeitungsbild zu Grunde liegt. Lüthi hätte dies nutzen und seinen Schülerinnen und Schülern die Message weitergeben können: «Hey, wenn ihr solche Fremdbilder produziert: Nehmt eure Mützchen ab in Räumen und legt das Handy beiseite.» Stattdessen reitet er eine Attacke gegen die Bildinterpretation. Verpasste Chance.

Aber eigentlich ging es ja um «Köpfchen statt Schwänzen». Da verwundert mich die bissige Reaktion von Schulkommissionspräsident und Englischlehrer Urs Stähli. Er lobt den Klimastreik als «etwas Praktisches für die Zukunft tun». Er bezeichnet Fragen, auf die es Antworten gäbe, für die mein Leserbrief Türen öffnete, als «pseudowissenschaftlich», statt dass er die Anregung zum Denken in Thesen und Antithesen unterstützt. Warum schreiben Jugendliche nicht selbst – und zwar zum Klima – statt zu schwänzen, zu schreien und Karton in die Luft zu strecken? Sie erwerben in den Natur- und Erdwissenschaften Grundlagen dazu. Urs Stähli unterstellt «herablassenden Ton», bezeichnet mich – ein semantisches No-Go – als «Klima-Leugner» und vergleicht Kantonsratssitzungen mit Schulstunden.

Meine Herren, wie wollen Sie auf diesem Niveau Menschen bilden, die dem Klimaproblem mit mehr als Trötzeln begegnen?

Matthias Hauser, Kantonsrat, Hüntwangen

Der Leserbrief erschien dann am 19. März – und gleichentags auch eine Leserbrief der Klasse 5a. Endlich meldeten sich die Jugendlichen selber zu Wort. Allerdings auch nicht auf der Sachebene, was schade ist. Man kann und muss die naturwissenschaftlichen Fragen debattieren, denn – liebe Jugendlichen – kein Forscher und Wissenschaftler versteht den Klimawandel in all seinen Zusammenhängen heute vollumfänglich. Es geht um Thesen. Deshalb hätte man natürlich gut auf den Leserbrief der Klasse 5a antworten können. Leider verstarb am Tag danach, am 20. März, mein Vater. Da werden solche Debatten unwichtig – und mein Abwägen, ob ich allenfalls antworten soll, hatte sich erledigt.